Bericht über die HKV-Tagung aus Anlass des Melanchthonjahres

„Philipp Melanchthon (1497-1560) und der Bildungsauftrag der Kirche“

am 3. und 4. September 2010 in der Ev. Melanchthonschule in Willingshausen-Steinatal

Der Tagungsort war gut gewählt. Die idyllisch gelegene Melanchthonschule existiert seit 1948 als das letzte und einzige Gymnasium mit diesem Namen in kirchlicher Trägerschaft. Die angereisten etwa 40 Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Tagung wurden nach der Mitgliederversammlung unserer Vereinigung vom Willingshäuser Bürgermeister Heinrich Vesper und der Leiterin der Schule, Frau OStDiK Christel Ruth Kaiser herzlich begrüßt. Eine Führung durch die Gebäude mit ihrer wechselvollen Geschichte schloss sich an.

Im ersten Vortrag legte Dr. Johannes Wischmeyer vom Institut für Europäische Geschichte in Mainz die Grundlagen für das Tagungsthema: „Der Lehrer Deutschlands – Philipp Melanchthon und die Reformation der Bildung“.

In einem ersten Teil beschrieb er das gegenüber Luther viel optimistischere Menschenbild des Humanisten. Melanchthon ging davon aus, dass auch im natürlichen Menschen Gutes wohne und die Vernunft existiere, und es sogar eine von der Offenbarung losgelöste Form der Gottesverehrung gebe. Deshalb sei eine ethische Bildung durch Belehrung und ständige Übung möglich und gelte es, die guten Affekte zu kultivieren. Allen bildungsfeindlichen Tendenzen der Reformationszeit – etwa der Spiritualisten – stand er deswegen entschieden entgegen. Freilich weiß auch Melanchthon vom Sündenfall und der Verderbtheit des Menschen. Aber er spekuliert an einer Stelle, wie die Welt denn ohne Sündenfall aussehen würde: Sie wäre nichts anderes als eine „fröhliche Schule“. Das Paradies kann sich der Bildungsreformer Melanchthon nicht anders denken als „eine Art Volkshochschule“ (Wischmeyer).
Im zweiten Teil widmete sich Wischmeyer Melanchthons Wissenschaftstheorie. Dieser rehabilitierte schon im Bereich des Triviums die Logik und gebot Vorsicht vor solchen Theologen, die „wie Wildschweine in die Rosen gehen“, d.h. ohne Logik und Bildung auf die Kanzel steigen. Mit dem aufkommenden kopernikanischen Weltbild aber konnte sich Melanchthon selbst noch nicht anfreunden. Doch er empfahl seinen Schülern, sich damit auseinanderzusetzen. Das Studium der Geschichte gebot er den Studenten, weil es eine Hilfe sei, dem Willen Gottes nachzuspüren. Für Melanchthon stellte Rationalität keinen Widerspruch zur Religiosität dar. Kirche sei in vielen Bereichen wie eine Schule. Es gehe darum, Worte zu erklären. In der Wort-Bedeutung schon befinde sich ein heiliger Raum. Deshalb müsse stets der Sinn der Worte und des Wortes Gottes erklärt werden. Allein die daraus folgende claritas scripturae sei eine Hilfe gegen die Irrlehren.
Im dritten Teil ging es bei Wischmeyer um Melanchthons Pädagogik. Er knüpfte an Luthers bedeutende „Ratsherrenschrift“ von 1520 an, mit der Verpflichtung Schulen aufzurichten. Gegenüber Luther ging es ihm jedoch nicht nur um zwei Stunden Schule am Tag, sondern um eine straffe Bildung in einer Art Ganztagsschule. Allein so, wenn Schulbildung einen umfassenden eigenständigen anthropologischen Wert habe, könne auch gegen „Satans Werk“ der Verrohung der Sitten und des Volkes gearbeitet werden. 
Melanchthon habe sich selbst immer mit den Lehrern identifiziert und als solcher – und das war der vierte Punkt – als Schulreformer wirken können. Im „Unterricht der Visitatoren“ (1528) und unzähligen Gutachten hat er die christliche Bürgerschaft zur Verantwortung gerufen, in ihrer Trägerschaft Schulen zu gründen und gediegen zu finanzieren. Es sollten weise und gut ausgebildete Lehrer ausgewählt und angeworben werden. Im Sinne einer Zukunftsbezogenheit der Bildung machte sich Melanchthon selbst immer wieder die Freude, die Schüler selbst schon als „magister“ und „doctores“ anzureden. Im Blick auf den Stoff folgte sollte dem Grundsatz „Non multa sed multum!“ gefolgt werden: Das hieß z.B.: Wenige Klassiker, aber die immer wieder durchgenommen; katechetisch basierter Religionsunterricht mit steter Repetition usw. Er legte Wert darauf, dass der Ertrag des Lernens in Prüfungen gesichert wurde. Wischmeyer betonte am Schluss jedoch, dass auch für Melanchthon Bildungsideale immer wieder ernüchtert werden konnten und dass auch er von den Leiden des Lehrers ein Lied zu singen wusste: Es sei leichter, einem Esel das Singen beizubringen als einem Schüler die lateinische Sprache …  

Der zweite Nachmittags-Vortrag wurde von Pfr. Dr. Thomas Zippert gehalten, dem Leiter der Akademie der Hephata Diakonie im nahen Schwalmstadt-Treysa, die auch die Logistik der Tagung vorbildlich betreute: „Melanchthon und die Schule heute – der Bildungsauftrag“.

Zippert erörterte als Leiter verschiedener Fachschulen die stete Spannung zwischen Elitenbildung und Breitenbildung. In Melanchthons Werben um die Gunst der christlichen Bürger, Schulen zu gründen und zu erhalten, sieht er ein Vorbild für modernes „Sponsoring und Qualitätsmanagement“. Mit Melanchthon tritt Zippert ein für ein Lesen der Bibel in ganzen Geschichten und ist gegen ein „Zerbröseln der Bibel“, wie es in einer Kirche der Jahreslosungen, Monats- und Wochensprüche sowie der vermeintlich erwecklichen Tageslosungen geschehe. Dagegen plädiere Melanchthon – auch beim Fremdsprachenunterricht - für die Lektüre guter und interessanter Texte. Auf dass man die Sprache wieder gerne lerne …

Für Zippert als heutigem Schulmann lassen Melanchthons Reformversuche auch jetzt wieder nach einer Wandelbarkeit des Fächerkanons fragen: Warum fehlen heute z.B. die Fächer Recht, Kochen, Erste Hilfe, Gesundheit, Führerschein, oder aber das triviale Fach Rhetorik? Trivium und Quadrivium waren in seinen Augen damals kompetenzorientierter als heutige Lehrpläne. beneficia (heute: „outcomes“) waren Melanchthon für das praktische Leben wichtig. Deswegen plädierte er wohl auch mit seinen „drei Haufen“: Schüler sollten so lange in einem Haufen bleiben, bis sie das Ziel erreicht haben, d.h. die Schuljahre waren für ihn nicht so streng an das Alter gebunden wie heute.

Bei Bildung handele es sich - so Zippert als einer, der über Herder promoviert hat – um die „Aufrichtung des Ebenbildes Gottes“. Deshalb dürfe man Bildung nicht auf eine Sparte begrenzen oder nur als theoretisches Unterfangen betrachten. Es gehe um eine umfassende Gesamtbildung des Menschen. Deshalb spricht er sich für Qualitätsmanagement in den Schulen aus und vergleicht sie mit Melanchthons Visitationen. Dennoch sei Bildung auch immer etwas Offenes. Man könne sie trotz aller Methodik und Didaktik nicht bis ins Letzte steuern. Das gelte, sowohl was Bildungsfortschritte angehe als auch die Gefahr „das Lernen zu verlernen“.

Nach einem festlichen Abendessen der HKV wurde der öffentliche Abendvortrag von Dr. Jan Martin Lies, ebenfalls vom Institut für Europäische Geschichte und der Akademie der Wissenschaften und Literatur in Mainz zu „Philipp Melanchthons Einfluss auf Landgraf Philipp des Großmütigen und dessen Politik“ gehalten.

In vier geschichtlichen Schritten zeichnete er die Phasen der Kontakte zwischen dem Professor Philipp Melanchthon und dem Politiker Philipp nach:

1. Wittenberger als Taktgeber der hessischen Reformation 1524-27 
Nach einer zufälligen Begegnung Ende Mai 1524 in der Nähe von Frankfurt widmete Melanchthon seine „Epitome renovatae ecclesiasticae doctrina“ (1524) dem Landgrafen, als dessen Hinwendung zur Reformation sich abzeichnete. Philipp wollte Melanchthon sogar an seine neu gegründete Universität nach Marburg berufen. Auch wenn Melanchthon diesen Ruf – wie alle anderen aus Europa – ausschlug, so konnte er doch den Bildungseifer des Politikers etwas entfachen und ihn zu selbstständiger Bibellektüre animieren. Das ‚sola scriptura’-Prinzip mag er durch diesen Einfluss für sich verinnerlicht haben.

2. Entfremdung durch Kriegsabsichten 1528-30
In der Phase der antihabsburgische Politik verhandelte Philipp besser und offener mit Zwingli als mit Luther und Melanchthon. Es bestand die Gefahr, dass der Hesse ein Verbündeter der Schweizer wird. Deswegen Melanchthon bat sogar Albrecht von Brandenburg um Allianz gegen Philipps Tendenzen. Doch Philipp versuchte stets, eine eigene „Mittelstraße“ zwischen Luther und Zwingli zu gehen.

3. Ambivalentes Verhältnis 1530-46
In diesen Jahren verbesserten sich zwar die Beziehungen der beiden, allerdings wurde Bucer zum wichtigeren Gesprächspartner Philipps. Der Doppelehen-Konflikt belastete die Beziehungen einerseits, andererseits verstärkte er auch das Wissen um die gegenseitige Angewiesenheit aufeinander, was Melanchthon weniger beruhigte als Philipp.

4. Annäherung und Einigkeit 1546-1560
In dieser Phase hatte Melanchthon großen Einfluss auf die Schulen in Marburg. Außerdem sollten sich Pfarrer neben Melanchthons „Loci communes“ noch seine „Educatio“ anschaffen, was auch kirchenaufsichtlich kontrolliert wurde.

In seiner abschließenden Würdigung hielt Lies fest:
Die politisch oft unterschiedlichen Meinungen, schlossen die Freundschaft zueinander nicht aus. Wobei man dabei nicht die moderne Kategorie der Freundschaft anwenden darf. Philipp wollte als Politiker Mögliches und Machbares anstreben. Melanchthon ging es darum, Grundsätzliches anzuregen. Es war eine „wertgeachtete Arbeitsbeziehung“ (Lies). Melanchthon war letztlich für Philipp nur ein Ratgeber unter vielen. In den 1550er Jahren waren die beiden im Grunde noch lebende Vertreter einer vergangenen Generation. Deswegen wurden sie - sich der Vergangenheit erinnernd – kompromissbereiter. Ohne „kleinen Mann aus Bretten“ (Lies) wäre die Reformation der Bildung in Hessen (vor allem die erste protestantische Universität in Marburg) nicht möglich gewesen.

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Die Tagung wurde mit 25 Teilnehmern am Samstagmorgen fortgesetzt mit einem Vortrag des neuen Beiratsmitglieds Pfr. Prof. Dr. Markus Wriedt aus Nieder-Olm bei Mainz, der in Frankfurt und Milwaukee Kirchengeschichte lehrt: „Pietas und Eruditio – Philipp Melanchthons theologische Begründung der Bildungsreform“.

Melanchthons Bildungsreform sei theologisch begründet. Das zeigte Wriedt anhand von drei seiner Loci:

1. Unterscheidung von Gesetz und Evangelium:
Kindererziehung sei eine äußere göttliche Übung, um Kinder vor groben Verstößen gegen das Gesetz zu bewahren. Pädagogisches Handeln ist lebenslange Begleitung des Menschen. Erziehung ist im Grunde das Gesamthandeln des christlichen Menschen.

2. Rechtfertigung:
Im Rahmen der Heilszusage sich bewegend kann der Mensch, eben auch der Pädagoge, dem Heil „zuarbeiten“. Nach Römer 5,5 ist die Rechtfertigung für Melanchthon ein fortschreitender Prozess. Die Rechtfertigung ist nicht die Folge pädagogischen Handelns, sondern sie wird vom pädagogischen Handeln begleitet.

3. Anthropologische Grundlegung:
Für Melanchthon ist der Mensch Ebenbild und gute Schöpfung Gottes. Als durch und durch ethisch denkender Pädagoge und Theologe kann es für ihn nur um die Frage gehen: Wozu nutzen wir unseren Willen? Ist das, was gewollt wird, „schriftbezogen gedeckt“?
Melanchthon sieht nach Wriedt die Kirche als coetus scholasticus und als ecclesia doctrix. Damit wird Kirche zur Schule. Kirche ist für ihn nur dort sichtbar, wo der wahre Glaube gelehrt und weitergegeben wird. Als solche hat die Kirche auch zu disziplinieren. In diesem Sinne ist auch sein hartes Vorgehen gegen die Täufer verständlich.
Zudem richtet sich Melanchthon gegen die Selbstmächtigkeit der kirchlichen Institutionen, besonders wenn es darum geht, etwas Altes aufzugeben. Er ist konservativ. Anstelle der apostolischen Sukzession geht es ihm um eine successio doctrinae! Allerdings, so Wriedt, bedeute dies nicht einen falsch verstandenen Traditionalismus. Er zitiert warnend den Philosophen Jarislav Pelikan: „Tradition ist der lebendige Glaube der Toten. Traditionalismus ist der tote Glaube der Lebendigen“.
Die notwendige Verbindung von Schule und Predigtamt, wie sie bis heute in unseren Landeskirchen praktiziert wird, ist ganz im Sinne Melanchthons: Pfarrer sollen auch Religionsunterricht halten.

Zum Schluss kommt Wriedt noch einmal auf Titel seines Themas: pietas und eruditio gehören zusammen. Theologie, die nicht tröstet, ist nichts wert. Das menschliche Geschick wird damit eingebunden in den Heilsplan Gottes. Er sieht mit Melanchthon die Gefahr, dass lebenslangens Lernen auf halber Strecke abbricht und plädiert für ein lebenslanges Lernen, für kirchliche Erwachsenenbildung und einen umfassenden Erwachsenenkatechumenat.

Auf den Vormittagsvortrag folgte – wohl erstmals bei einer HKV-Tagung - eine Abschlussdiskussion mit Podium zum Thema „Philipp Melanchthon – was bleibt?“, an der sich noch etwa 20 Personen beteiligten. Auf dem Podium saßen Dr. Zippert, Dr. Wischmeyer, Prof. Dr. Wriedt und Dr. Richhardt als Moderator.

Dabei ging es in einem ersten Komplex noch einmal um die Frage nach der Bildung: Wie kam es zur Bildungsfeindlichkeit am Anfang der Reformation und im Laufe der Kirchengeschichte bis hin zur Bekennenden Kirche (Bonhoeffer). Eine Begründung mag vor allem Prediger/Kohelet 12,12 sein: „Und über allem, mein Sohn, lass dich warnen; denn des vielen Büchermachens ist kein Ende und viel Studieren macht den Leib müde.“

Wichtig erscheint demgegenüber festgehalten werden zu müssen, dass Bildung für Melanchthon keinen Selbstzweck hat, sondern dass man von einem Bildungsutilitarismus sprechen kann. Das Bildungsinteresse ging zudem vom Landesherrn aus, um einen geeigneten Pfarrer- und Beamtenstand heranzuziehen (vgl. Stipendiatenanstalten). Wobei auch zu betonen ist, dass eigentlich schon das 15.! Jahrhundert als das goldene Zeitalter der Bildung angesehen werden muss.

Der Bildende ist der Freileger dess, was schon „drin ist“ (vgl. Bildhauer; bilden heißt lat. figere, was den körperlichen Einsatz beim Bilden – sprich: körperliche Züchtigung plausibler macht). Bildung darf jedoch auch nicht der Selbstliebe dienen und mich so weiter von Gott wegführen.

Ein weiterer Diskussionskomplex widmete sich der Frage, ob man überhaupt fragen dürfe, was uns Melanchthon heute bedeute. Produziert eine solche Fragestellung nicht falsche Anachronismen? Sollte man als Historiker nicht vielmehr Melanchthon nur für das 16.Jahrhundert erklären und ihn dort auch belassen (so Bernhard Lohse)? Kann man etwas lernen aus der Geschichte? Eigentlich nicht. Man kann sie immer nur wieder betrachten. Diese vielleicht ernüchternde Erkenntnis entspricht dem postmodernen Geschichtsbegriff, den Wriedt vertritt. 

Dennoch stand am Ende die Frage: Was bleibt? Auch als Erkenntnisse dieser Tagung.

Statements waren:

- Bildung und Frömmigkeit (pietas und eruditio) hängen zusammen und sollten nicht voneinander getrennt werden.
- Bildung soll stets trösten: lectura scriptura consolatio.
- Bildung ist stets ein „Kommunikationsereignis“ (Wischmeyer).
- Es ist schließlich gegen eine künstliche Unterscheidung zwischen Luther und Melanchthon einzustehen (Wriedt), vielmehr ergänzen sie einander.

Nach einem Reisesegen von Pfr. Dr. Zippert mit Gebeten Melanchthons und einer Besichtigung der Festung Ziegenhain ging die sehr anregende Melanchthon-Tagung zuende. Man darf auf die Veröffentlichung der Vorträge im übernächsten Jahrbuch der Hessischen Kirchengeschichtlichen (JHKV 62/2011) gespannt sein. 

Dank an den Vorsitzenden Dr. Dirk Richhardt, der mit seinem Team aus der Hephata Diakonie die Tagung bestens vorbereitet und organisiert hat. 

Im nächsten Jahr will man sich in Wiesbaden treffen zu der Frage, passend zum Jahresthema der Reformationsdekade der EKD: Kirche der Freiheit – Kirche für Freiheit. Genaueres wird noch festgelegt. Alles läuft auf eine jährlich wiederkehrenden Tag der hessischen Kirchengeschichte Anfang September hinaus.

Friedhelm Ackva, Mainz 

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