Außerordentliche Mitgliederversammlung und Gedenkveranstaltung am 25. Todestag Martin Niemöllers am 6. März 2009 in Frankfurt am Main

 von Dr. Norbert Stieniczka

Die gut besuchte Veranstaltung begann um 15.00 Uhr mit der außerordentlichen Mitgliederversammlung der HKV. Nach dem Bericht des Vorsitzenden und des Schatzmeisters entspann sich eine rege Diskussion über die geplanten Satzungsänderungen, sie wird bei der Jahrestagung in Herborn am 18./19. September fortgesetzt.

Die Gedenkveranstaltung für Martin Niemöller begann dann um 16.30 Uhr mit einem Grußwort von Kirchenpräsident Dr. Volker Jung. Darin würdigte er Niemöllers unerschütterlichen Glauben an die befreiende Kraft der Botschaft Jesu und betonte, wie aktuell seine Predigten auch heute noch wirkten. Zwar habe sich manche Problemlage verändert, so müsse man sein durch die Erfahrungen aus dem NS-Regime geprägtes, von Misstrauen und Vorsicht bestimmtes Verhältnis zum Staat ebenso kritisch hinterfragen wie seine streng pazifistische Haltung angesichts der heutigen veränderten Weltlage. Die Beschäftigung mit der Person Niemöller und seinen Positionen sei jedoch eine stete Bereicherung in den aktuellen Diskussionen, etwa um die Kirchenordnung oder um friedensethische Fragen.

Den Fachvortrag hatte wegen einer plötzlichen Erkrankung des vorgesehenen Referenten Prof. Dr. Joachim Perels kurzfristig PD Pfarrer Dr. Michael Heymel übernommen. Heymel, der im Zentralarchiv der EKHN derzeit über Niemöllers Dahlemer Predigten arbeitet, konzentrierte sich in seinem Vortrag auf den Prediger Niemöller. Die Predigt sei für Niemöller auch noch in seiner Zeit als Kirchenpräsident ein ganz zentraler Bestandteil seiner Tätigkeit gewesen. Auf jede einzelne seiner  in großer Zahl  gehaltenen Predigten bereitete er sich akribisch vor, formulierte sie aus und memorierte sie, d.h. er lernte sie anschließend weitgehend auswendig. Der Text des Evangeliums habe klar im Vordergrund gestanden und Niemöller sei ohne Umschweife zur Sache gekommen. Mit seiner besonderen Fähigkeit, biblische Texte auf die Gegenwart zu beziehen, habe er Jesus immer wieder neu für sich entdeckt und die Verkündigung für die Zuhörer fassbar gemacht. Daher rührte die beeindruckende Wirkung seiner Predigten. Die eigene Person sei dabei anders als in den Vorträgen und Reden, in denen er häufig zu aktuellen politischen Themen Stellung bezog, in den Hintergrund getreten.

Den Abschluss der Veranstaltung bildete ein Zeitzeugengespräch der Historikerin Anette Neff mit Dr. Heinz-Hermann Niemöller. In dem aufschlussreichen Gespräch skizzierte der Sohn Martin Niemöllers ein sehr differenziertes Bild seines Vaters, in dem der Mensch Niemöller in den Vordergrund trat. So berichtete er u.a., dass die Kinder am Samstag wenig von ihrem Vater sahen, da dieser seine Predigt vorbereitete, zu der er am Sonntag, gestärkt durch ein Glas mit Eigelb verquirltem, gesüßtem Rotweins, schritt. Licht fiel auch auf die Situation der  Familie Niemöller, als Martin Niemöller im KZ Sachsenhausen inhaftiert war. So erzählte Heinz-Hermann, dass seine Schwester Herta, als sie von der Mangelernährung ihres Vaters erfuhr, einen Brief an Adolf Hitler schrieb, mit der kindlich naiven Bitte dessen Versorgung aufzubessern. Daraufhin kam von der Reichskanzlei zwar der Verweis, dass es unter Strafe stehe, Details aus den KZs zu verbreiten, die Rationen wurden aber erhöht und der Brief rettete Niemöller somit möglicherweise das Leben. Else Niemöller nahm im Leben ihres Mannes eine wichtige Rolle ein, z. B. als Martin Niemöller im KZ in einer Krise darüber nachdachte zum Katholizismus zu konvertieren. Sie sprach darüber mit Freunden aus der Bekennenden Kirche, insbesondere mit Hans Asmussen und verwob dessen theologische Argumente in ihre Briefe an ihren Mann, um ihn von diesem Schritt abzuhalten. Offenbar war sich Martin Niemöller sehr bewusst, welch wichtige Stütze er in seiner Frau hatte, denn der Sohn gab folgende humorvolle Aussage seines Vaters über die Ehe wieder: „Es gibt zwei Arten von Ehen. Diejenigen, in denen die Frau das Sagen hat und die unglücklichen.“

Heinz-Hermann Niemöller machte außerdem deutlich, dass für den Pazifisten Niemöller seine militärische Vorprägung ein wichtiges Wesensmerkmal war. Sein entschlossenes, manchmal soldatisches Auftreten half ihm im Umgang mit befehlsgewohnten Handlangern des NS-Regimes und die noch im Ersten Weltkrieg genossene Stabsausbildung ließ ihn Problemlösungen mit großem strategischen Geschick angehen.

Die rundum gelungene Veranstaltung endete unter anhaltendem Applaus des Publikums um 19.00 Uhr.  

 

 

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