Pietismus in der Region – Spener und die Nachwirkungen

Bericht zur Jahrestagung am 29. und 30. April in Dautphetal-Holzhausen 

Die Tagung zum 300. Todestag von Philipp Jakob Spener im „Hessischen Hinterland“ war sowohl von Vereinsmitgliedern als auch interessierten Gemeindegliedern der Region gut besucht. Der große Vortragssaal der Freizeit- und Bildungsstätte des Ev. Dekanates Gladenbach war mit ca. 40 Personen gut gefüllt. Die Themen und die Auswahl der sehr unterschiedlichen Referenten sorgten für eine exemplarische Begegnung mit dem Pietismus und der Erweckungsbewegung im Bereich der Hessischen Kirchengeschichtlichen Vereinigung. 

Der erste Vortrag beschäftigte sich mit der Grundlegung des Pietismus in der freien Reichsstadt Frankfürt am Main im letzten Viertel des 17. Jahrhunderts. Pfarrer Dr. Andreas Deppermann aus Dorsten, Schüler des Bochumer Kirchenhistorikers und ausgewiesenen Spener-Spezialisten Prof. Dr. Johannes Wallmann, stellte in eindrücklicher Weise das Verhältnis des Theologen und Seniors Philipp Jakob Spener zu dem Juristen Johann Jakob Schütz dar. Beide ergänzten sich in ihrer charakterlichen und auch theologischen Unterschiedlichkeit bei der Aufnahme der innerkirchlichen Konventikel und der Gründung des Armen- und Waisenhauses. In den 1680er Jahren kam es jedoch zum Bruch zwischen beiden, weil Schütz – auch unter dem Einfluss von Johanna Eleonore von Merlau u. a. – ein philadelphisches Kirchenideal vertrat und Versammlungen außerhalb der Kirche abzuhalten begann. Wegen des Versammlungsortes nannte man diese außerkirchlichen Pietisten die „Saalhof-Pietisten“. 

Pfarrer i. E. Dr. Uwe Buß aus Reichelsheim verfolgte mit seinem Vortrag über „Johann Friedrich Starck (1680-1756) und sein Handbuch in guten und in bösen Tagen“ den Faden des Frankfurter Pietismus bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts und darüber hinaus. Denn Starcks „Handbuch“ erreichte unzählige Auflagen und Nachdrucke und wird bis heute noch verlegt und zur Erbauung gebraucht. Es hat gewiss auch der Erweckung im Hinterland und im Dilltal Vorschub geleistet. Ein Gemeindeglied reichte das Exemplar ihrer Familie mit persönlichen genealogischen Eintragungen herum. Das Handbuch hatte im protestantischen Umfeld fast einen der Bibel gleichzurechnenden Stand. Näheres in der der bei der HKV verlegten Dissertation von Uwe Buß (QSHKG  Bd. 10). 

Wie die Erweckungsbewegungen der 1850er Jahre im Hinterland und im Dilltal in kirchlichen Bahnen gehalten werden konnten und wie sie zum großen Teil erfolgreich in die kirchliche Gemeinschaftsbewegung einmündeten, davon berichtete der Dautpher Pfarrer Dr. Reiner Braun. Dieses Verdienst ist vor allen Dingen Karl Ernst (1834-1903) und Heinrich Maurer (1834-1918) zuzuschreiben, die beide als Professoren am Theologischen Seminar in Herborn wirkten und nacheinander über fast 40 Jahre hinweg als Generalsuperintendenten in Wiesbaden wirkten.. Wieder waren es zwei Menschen, die sich in ihrer Unterschiedlichkeit ergänzten, um eine Erneuerung, diesmal in der nassauischen Landeskirche, zu begünstigen. 

Der Vortrag des Pfarrer-Emeritus und Promovenden Hermann-Otto Geißler aus Wiesbaden zog die Linien noch weiter aus in das 20. Jahrhundert und die Zeit des Kirchenkampfes. Er zeigte kritisch die ambivalente Haltung des „Neupietismus“ gegenüber den Deutschen Christen auf. Geißler urteilt z. B.: „Die unentschiedene bzw. zwiespältige Haltung einiger Mitglieder und Hauptamtlicher des Herborn-Dillenburger Gemeinschaftsverbandes ist wohl weniger als eine Auswirkung des Pietismus zu beurteilen, eher als eine persönliche charakterliche bzw. biographische Disposition“. 

Der Abendvortrag wurde bestritten von Pfarrer i. R. Dr. Gerhard Lehmann über die „Erweckungs- und Gemeinschaftsbewegung des 19. und 20. Jahrhunderts im Dilltal und im hessischen Hinterland“. Sowohl sachkundig und auch ortskundig als auch mit persönlicher Zuneigung zum Erwecklichen konnte Lehmann noch einmal einen Gesamtüberblick über das Phänomen der kirchlichen Erneuerung geben, das mit einem soziologischen, mentalitätsgeschichtlichen oder theologischen Instrumentarium allein nicht zu erklären ist. „Der Wind bläst, wo er will“, so auch der Titel von Lehmanns Dissertation aus dem Jahre 1974, die bei dieser Tagung an Interessierte noch einmal reichlich verkauft wurde. 

Den Abschluss der Tagung bildete ein gelungener und hoch interessanter Diavortrag von Pfarrer i. R. Joachim Proescholdt aus Frankfurt über den Emporenzyklus der Frankfurter Katharinenkirche. Hier zeigt sich „Bild gewordener Pietismus“. Von den 80 noch vorhandenen Gemälden, die der frühere Pfarrer von St. Katharinen vor der Vergessenheit gerettet hat und restaurieren ließ, wurden viele in ihren Abhängigkeiten von und Unterschiedlichkeiten zu den Bildern in Johann Arndts „Wahrem Christentum“ oder auch bei Merian erläutert. Auffallend ist, wie zeitgemäße Ereignisse, etwa der Konflikt zwischen Spener (als Prophet Hosea) und der philadelphischen Gruppe um Schütz (s. o.) in den Bildern ihren Niederschlag gefunden haben. Ein Bild, das auch wieder in der heutigen Katharinenkirche zu betrachten ist, zeigt in typisch pietistischer Manier die gefangene Seele in dem Skelett des Todes.
Wir können gespannt sein auf Proescholdts Gesamtertrag in seinem Buch über den Emporenzyklus, das wohl 2007 in unseren "Quellen und Studien zur Hessischen Kirchengeschichte" erscheinen wird. 

Zu den erfreulich reichlichen Publikationen der HKV sowie zum Jahrbuch siehe unter  Publikationen und Neuerscheinungen.

Erfreulich ist auch die steigende Mitgliedertendenz (viele neue Einzelmitglieder). Falls Sie Mitglied werden wollen, können Sie dies auch über unsere Homepage erledigen. Wir haben das Ziel, die 600er Marke in einem Jahr übersprungen zu haben … Hier geht es zur Mitgliedschaft.

Die nächste Jahrestagung wird am 19./20. Mai 2006 in Homberg/Efze stattfinden und sich mit der kurhessischen Renitenz beschäftigen. Bitte schon vormerken! 

Außerdem wird es am 2. September 2005 eine Tagung zur Geschichte der Kirchenordnung der EKHN geben. Sie findet in Zusammenarbeit mit dem Synodalbüro der EKHN für die Synodalen und HKV-Mitglieder im Spenerhaus in Frankfurt statt. Nähere Informationen folgen demnächst auf unserer Homepage.

gez.  Pfr. Dr. Ackva, Mainz (Schriftführer)

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