Bericht von der Jahrestagung am 19./20. Mai 2006 in Homberg/Efze 

von Pfarrer Dr.  Ackva, Schriftführer  

Die diesjährige Tagung der Hessischen Kirchengeschichtlichen Vereinigung (HKV) am 19. und 20.Mai in Homberg/Efze stand unter dem Thema „Revolution und Renitenz. Lutherischer Neuansatz im hessischen Bereich nach 1848.“ 

Es ging in den beiden Nachmittags-Vorträgen von Pfr. i.R. Dr. Klaus Engelbrecht (Faßberg-Müden) und Privatdozent Dr. Rudolf Keller (Neuendettelsau) vor allem um das Theologen-Brüderpaar Wilhelm Vilmar (1804-1884) und August Vilmar (1800-1868). Ihr gemeinsamer Kampf gegen  eine Bevormundung der kurhessischen Kirche nach der preußischen Annexion (1866) hat sie anfangs vereint und unter der Pfarrerschaft viele Schüler und Mitstreiter in ihren Umkreis gezogen. Beachtlich ist, dass den daraufhin ihres Amtes enthobenen Geistlichen nur eine relativ kleine Zahl von Gemeindegliedern die Treue hielt und gegen das Gesamtkonsistorium in Kassel eine „lutherische Freikirche“ bildeten. Diskutiert wurde, ob es, abgesehen von der Bildung dieser „Kirche neben der Kirche“, auch ein Verdienst  der Renitenz ist, dass die kurhessische Kirche keine preußische Provinzialkirche wurde wie etwa die pommersche Kirche oder die Ev. Kirche der Rheinprovinz. Insofern kann die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck an dieser kirchenkritischen und kirchenbildenden Entwicklung des 19.Jahrhunderts nicht ohne Beachtung vorbei gehen.  Bei aller Gemeinsamkeit der Vilmar-Brüder wurde jedoch auch auf ihre wachsende Unterschiedlichkeit in ihrem Amtsverständnis und in der Praxis ihrer Amtsführung hingewiesen.  Auf die Schüler und Beziehungen  August Vilmars über die Grenzen Kurhessens hinaus wies besonders der Vortrag von Dr. Keller hin.  

Prof. Dr. Kemler aus Lohfelden, der sich schon länger mit der Bedeutung der Renitenz für Kurhessen beschäftigt hat (vgl. sein grundlegendes neues Buch: Gott mehr gehorchen als den Menschen. Christlicher Glaube zwischen Restauration und Revolution – dargestellt an der kurhessischen Renitenz, Gießen/Basel 2005), hat in seinem öffentlichen Abendvortrag den Vilmar-Schüler Friedrich Hoffmann besonders beleuchtet, der durch die Leitung des renitenten „Homberger Konventes“ eine besondere lokale Bedeutung hatte. Kemler musste auch schon von frühen Spaltungen unter den Renitenten berichten; es ging – wie so oft - neben theologischen Streitigkeiten um die Frage, wer denn der wahre Führer der Renitenz in Kurhessen sein sollte.  

Insgesamt waren es spannende und gute Vorträge, die man im nächsten Jahrbuch der HKV nachlesen kann. Leider war die Beteiligung an der Tagung mit ca. 20 Personen sehr gering. Auch  aus der Homberger Bevölkerung und aus der ansässigen „Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche“ (SELK), in die ja die renitente Bewegung des 19.Jahrhunderts nach dem 2. Weltkrieg (1950) aufgegangen ist, waren außer dem Homberger Dekan nur wenige Zuhörer gekommen, wiewohl die Werbung vor Ort  groß war.

Am Samstag gab es nach der Mitgliederversammlung noch eine Historische Stadtführung durch Herrn Friedrich Dreyza, bei der den Gästen noch einmal deutlich wurde, welch ein (historisch) interessantes Städtchen Homberg/Efze im Bereich der kurhessischen Kirche ist.  

In der Mitgliederversammlung wurde der Vorstand neu gewählt. Herr Prof. Dr. Battenberg bleibt 1. Vorsitzender. Prof. Dr. Kemler stand zur Wiederwahl als 2. Vorsitzender aus Altersgründen nicht mehr zur Verfügung. An seine Stelle tritt Herr Dr. Dirk Richhardt aus Hephata, der damit die kurhessische Seite im Vorstand vertritt.

Leider trat Frau Dr. Wischhöfer aus Kassel als Mitherausgeberin der QSHKG zurück. Ihre Aufgabe übernimmt dafür interimistisch Herr Prof. Kemler. Die anderen Posten des Vorstandes bleiben unverändert.  

Kirchenarchivdirektor i.R. Ekkehard Kätsch (Seeheim-Jugenheim), OLKR i.R. Prof. Dr. Herbert Kemler (Lohfelden), Dekan i.R. Dr. Dieter Waßmann (Kassel) und Prof. Dr. Artur Rühl (Bad Nauheim)  wurden aufgrund ihrer großen Verdienste für die HKV zur Ehrenmitgliedern  ernannt (vgl. § 5  der Vereinssatzung).

Als neue Beiratsmitglieder wurden gewählt:

Dr. Dirk Richhardt, Hephata, 
Dr. Norbert Stieniczka, Darmstadt 
Dr. Peter Gemeinhardt, Jena/Hofgeismar
 

Die nächste Jahrestagung findet Anfang September 2007 in Niederweisel bei Butzbach statt, in Zusammenarbeit mit dem Johanniter-Orden, dessen Hessische Genossenschaft dann 150 Jahre alt wird.

(dazu später mehr unter Aktuell

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