Bericht über unsere Jahrestagung „Adel und Kirche in Hessen“ am 28.9.12 in Schlitz

Die diesjährige Tagung im neu gestalteten historischen Schlitzer evangelischen Gemeindehaus war sehr gut besucht. Knapp 60 interessierte Personen aus der Stadt und dem Umfeld bis hin nach Homberg/Efze genossen die Gastfreundschaft der Schlitzer Gemeinde, angeführt von ihren Pfarrern Siegfried Schmidt und Johannes Wildner. Zu Beginn der Tagung, die in zeitlicher Nähe zu den Feierlichkeiten anlässlich der 1200-Jahr-Feier der Schlitzer Stiftskirche lag, überbrachte Propst Matthias Schmidt die Grüße der Kirchenleitung der EKHN und freute sich besonders über die Teilnehmer aus der EKKW. Schön wäre es seiner Meinung nach, wenn die Zusammenarbeit der beiden hessischen Landeskirchen auch in anderen Bereichen so gut gelingen würde wie die gemeinsame Arbeit an der zum großen Teil gemeinsamen Geschichte innerhalb der Hessischen Kirchengeschichtlichen Vereinigung (HKV).

Als erster Referent trat der Vorsitzende Prof. Dr. Friedrich Battenberg aus Darmstadt selbst an das Rednerpult. Er referierte über Eustachius von Görtz und die Reformation in Schlitz (1527-1597). Dabei begann er mit der Leichenrede auf dessen Leben, die sehr protestantisch anmutete. Unter Eustachius’ Regentschaft konnte der evangelische Pfarrer Cyriakus Spangenberg seit 1581 eine betont lutherische Kirchenordnung für das Schlitzer Land entwerfen. Mitten im Spannungsfeld der katholischen Fuldaer Mächte und der lutherischen Ritterschaften ist das Leben und Wirken des Eustachius von Görtz konfessionell schlecht festzulegen. Er hatte wohl eine „lutherische Gesinnung innerhalb eines taktisch vertretenen Katholizismus“. Die theologischen Streitigkeiten kümmerten ihn wenig. Ein persönlich-privates Zeugnis dafür mag es sein, dass er seine Kinder in der katholischen oder in der evangelischen Kirche taufen ließ. Er entschied von Fall zu Fall. Auch in der Almosenordnung hat er vermittelnd und ausgleichend gehandelt.
Beim verstärkten Auftreten seiner eigenen Altersschwäche wandte er sich an evangelische Ärzte. Im Blick auf sein eigenes Ende waren für ihn konfessionelle Fragen unerheblich. Abschließend wird man sagen können, dass Eustachius die Reformation nicht aktiv vorangetrieben, aber auch nicht behindert hat. Er war auf der ganzen Linie ein Ireniker „zwischen oder gar über den Konfessionen“.

Da die Quellen noch nicht genug erforscht sind, fehlt leider eine umfassende Biographie. Das bleibt laut Battenberg ein Desiderat der Forschung. Dafür, dass Eustachius von Görtz als Mann des Übergangs in Schlitz nicht vergessen werden sollte, spricht die Tatsache, dass seine lutherischen Urenkel 1702 nach Abriss der alten Fuldaer Stiftskirche sein dort befindliches Epitaph restaurieren und in der heute bestehenden Domkirche wieder aufstellen ließen.  

Den zweiten Vortrag hielt Dr. Horst Nieder aus Hohenstein über Eberhard von der Tann als Politiker und Gesandter im Dienst der Reformation
Von der Tann (*1495) studierte in Wittenberg und war zeitlebens ein Diplomat und weiser Vermittler im Dienste der Reformation, besonders in Sachen der Doppelehe Philipps (um 1540) oder in den schmalkaldischen Wirren (1546), wo er u.a. auch als Beschaffer von Kriegsgeldern wirkte. Nach 1555 warben auch andere evangelische Fürsten um ihn, u.a. Ottheinrich von der Pfalz, der ihn als Großhofmeister (= Stellvertreter des Kurfürsten) einsetzen wollte. Von Luther habe er nicht nur das reformatorische Bekenntnis angenommen, sondern auch das „Poltern“, wusste Nieder zu zitieren. 1574 verstarb von der Tann und wurde an der Kanzel seiner Kirche in Tann beigesetzt.
Beim anschließenden Gespräch wurde zudem erörtert, dass sein Weg von einer melanchthonisch-irenischen Gesinnung hin zu einem fast gnesiolutherischen Verhalten sehr bemerkenswert sei.

Die kirchengeschichtliche Stadtführung von Stadtarchivar Dr. Volker Puthz war ein großartiges Erlebnis bei schönstem Wetter. Sie begann bei der Sandkirche am Friedhof, die in diesem Jahr 400 Jahre alt wird und eine der wenigen erhaltenen „Querkirchen“ ist. Sie dient noch heute als Friedhofskapelle. Danach erläuterte Herr Puthz dem großen interessierten Publikum die unterschiedlichen Bauphasen der 1200 Jahre alten Stiftskirche und der angrenzenden „Burgen“. Er machte Lust auf einen nochmaligen Besuch dieser geschichtsträchtigen Stadt, die allerdings heute auch unter dem demografischen Wandel Oberhessens zu leiden hat, auf den der Propst schon in seinem Grußwort hingewiesen hatte.    

Nach einem schmackhaften Abendessen, zu dem uns die Gemeinde eingeladen hatte, stellte PD Dr. Alexander Jendorff aus Wetzlar die provokante Frage: Reformation und Adel – ein Missverständnis? Er bestritt die These, dass Reformation vor allem ein urban event gewesen sein sollte und die Reformation allein dem Bürgertum gehöre, wie man im 20.Jahrhundert oft postulierte. Dagegen wies Jendorff an vielen Einzelbeispielen nach, dass die reformatorische Lehre für kleine und große Herren aus dem ländlichen Adel (nicht nur in Hessen) ein willkommenes Mittel war, um ihr eigenes Selbstverständnis zu stärken und sie widerständig zu machen gegenüber den herrschenden Mächten wie dem Kurfürstentum Mainz oder der Fürstabtei Fulda. „Freie Herren und freie Religion“, könne man etwas reißerisch formulieren Wobei Jendorff auch darauf hinwies, dass der Niederadel keine ständisch-politisch homogene Gruppe war und es durchaus auch eine „Multikonfessionalität“ unter den christlichen Adelsgenossen gab. Eustachius von Görtz könnte dafür in seiner schwankenden Zwischenstellung (s.o.) ein lokales Beispiel sein. Demgegenüber steht, dass auch das Kur­fürstentum Mainz z.B. gegenüber dem Landadel konfessionell erst mal offen war, aber rigide wurde, wenn es um die eigenen Pfründen ging.

Der sehr kenntnisreiche und ausführliche Vortrag endete – noch einmal die Titelfrage aufnehmend – damit, dass es keine einfache Gleichsetzung von „Adel und Reformation“ geben könne, dass es sich dabei aber auch nicht um eine Ungleichung handele. Die gezeigten Beispiele des „adligen Eigensinns“ seien von fundamentaler Bedeutung für die Reformation gewesen.  

In der Diskussion wurde diese Linie ausgezogen in das Patronatsrecht, das gerade im Dritten Reich manche Gemeinde und manchen Pfarrer vor dem Übergriff der Staatsmacht geschützt habe. Deswegen sei es auch nach dem Krieg gerade in Hessen (!) erhalten geblieben; andere Landeskirchen haben es abgeschafft. Es wurde bedauert, dass zur Frage des Patronatsrechtes kein weiterer Vortrag möglich war. Aber die einerseits sinnvolle Beschränkung auf einen Tag der hessischen Kirchengeschichte machte andererseits diesen Verzicht notwendig.  Es wurde angeregt, das Thema mit einem Vortrag über das Patronatsrecht gelegentlich zu vertiefen.  

2013 sind wir im Rahmen der Lutherdekade nach Worms eingeladen und 2014 treffen wir uns in Ziegenhain zum Jubiläum der Ziegenhainer Zuchtordnung und dem Beginn der Konfirmation.  

Pfr. Dr. Friedhelm Ackva, Mainz

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