Bericht über die Jahrestagung in Ziegenhain am 26.9.14

Die diesjährige Jahrestagung der HKV fand Ende September in der ehemaligen Ziegenhainer Festungsschule, dem heutigen Gemeindehaus, neben dem ev. Dekanat statt. Kooperationspartner waren der Verein für hessische Geschichte und Landeskunde, Kassel 1834 e.V., ZV. Schwalm, das evangelische Forum des Schwalm-Eder-Kreises, der Schwälmer Heimatbund sowie das Dekanat Ziegenhain. In besonderer Weise wurde in der Mitgliederversammlung an den langjährigen spiritus rector der Hessischen Kirchengeschichtlichen Vereinigung und Herausgeber des Jahrbuchs, Prof. Prof. h.c. Dr. Karl Dienst erinnert, der am 27. Mai 2014 im Alter von 84 Jahren verstorben ist.

Im Mittelpunkt der wissenschaftlichen Vorträge stand die Ziegenhainer Kirchenzuchtordnung, die vor 475 Jahren von Landgraf Philipp als „Kompromiss mit den Täufern“ veranlasst und maßgeblich von Martin Bucer verfasst worden war. Dazu gab es schon im Mai ein Jubiläums-Stadtfest, auf das der Schwalmstädter Bürgermeister Dr. Gerald Näser in seinem Grußwort vor den ca. 30 Gästen aus nah und fern hinwies. Der Dekan des Kirchenkreises Ziegenhain, Christian Wachter, der eigens zu diesem Jubiläum ein historisches Theaterstück für die Konfirmanden verfasst hat, erläuterte in seiner Einführung, dass die Entstehung der Festung Ziegenhain und die Zuchtordnung auf das gleiche Jahr 1539 fallen. Im Gegensatz zu der Homberger Synode von 1526, auf der „ein Haufen Gesetze verabschiedet wurden“, spüre man der Zuchtordnung ein seelsorgerliches Anliegen ab. Die Priorität des Wortes gegenüber dem Sakrament finde seinen Niederschlag darin, dass die Geistlichen hier „Diener des Wortes“ genannt werden. Wachter plädierte für eine intensive Auseinandersetzung mit Adam Krafft, der von Landgraf Philipp als Visitator eingesetzt worden war und als erster „Prälat“ der kurhessischen Kirche gelten kann.

In ihren weiteren historischen Kontext wurde die Ziegenhainer Kirchenzuchtordnung von dem Mainzer Kirchenhistoriker Prof. Dr. Wolfgang Breul gestellt. Er widmete sich vor allem der Entwicklung Philipps, über den eine umfassende Biografie noch aussteht. Jener schon sehr früh in die Verantwortung gestellte Regent hatte ein „waches Gewissen“ und Gerechtigkeitsempfinden. Wiewohl er sich nicht obrigkeitlich in die Belange der Kirchenzucht einmischen wollte, waren dennoch die Grenzen zwischen geistlicher und weltlicher Ordnung bei ihm fließend. Gegenüber den Täufern und ihrem ernsthaften Glauben hatte Philipp einen besonderen Respekt. Es kam zu intensiven theologischen Gesprächen mit ihnen. Niemals hat er – anders als andere Herrscher seiner Zeit – die Todesstrafe gegen Täufer angewandt. Als weisen Entschluss würdigte Breul, dass Philipp den Straßburger Vermittler und Ireniker Martin Bucer im Herbst 1538 nach Ziegenhain bestellt hatte. Dort verhandelte er mit dem Täuferführer Peter Tesch. Die Verbesserung der Kirchenzucht, die Konfirmation und die Betonung des Ältestenamtes durch die Zuchtordnung können als große Errungenschaften eines fairen Kompromisses gelten, der es den Täufern ermöglichte, in die Kirche zurück zu kehren. Dass dies zu einem großen Teil gelungen ist, wird – gleichsam als Probe – durch das vernichtende Urteil des berühmten Hutterers Peter Riedemann bestätigt, in dem er beklagte, dass „fast alle Wiedertäufer wieder zum Götzentempel zurück gefallen“ seien.

Die Bedeutung Bucers vertiefte Pfarrer Dr. Volkmar Ortmann aus Kassel in seinem Vortrag über die „Pastoraltheologie Martin Bucers“. Er erinnerte an Bucers damals gerade erschienene grundlegende Schrift „Von der wahren Seelsorge“ (1538). Dort könne man erkennen, dass „Kirchenzucht“ von dem „Konnex der Strafzucht“ abgelöst und vielmehr in den theologischen Zusammenhang zur Sündenzucht und Seelsorge gestellt würde. Wiewohl man Bucer – wie fälschlich oft getan – nicht als „Vater der Konfirmation“ bezeichnen und gar Erasmus als deren Motivator ansehen könne, da es ja schon die katholische Firmung im gleichen Alter gegeben habe, so müsse man doch bei Bucer das Anliegen der Konfirmation über das der Kirchenzucht stellen. Die Konfirmation als „Ausdruck christlicher Freiheit“ sei im Grunde das „Grunddatum christlicher Kompetenz“ und befähige sowohl zu einem „Ältestenamt“ in der Kirche als auch zu einem „allgemeinen Hirtendienst in der Bürgergemeinde“. Sie kann sogar für Ortmann als „Grundform der Ordination“ gelten. Dass die Wirkungsgeschichte der Konfirmation „durchwachsen“ ist und die intendierte Ordnung nicht immer konsequent umgesetzt wurde, gestand der Referent zu. Zu einer Diskussion über die derzeitige Gestalt der Konfirmationspraxis kam es mit dem Pfarrer leider nicht.

Solche Blicke auf die Gegenwart ließ der Abendvortrag mit der Kasseler Prälatin Marita Natt erwarten, die in Vertretung von Bischof Dr. Martin Hein gerne nach Ziegenhain in den mit über 40 Interessierten gut gefüllten Saal der alten Festungsschule gekommen war. Sie spürt als kirchenleitende Praktikerin der „Kirchen-Zucht-Ordnung“ weniger einen – vielleicht erwarteten – züchtigenden Zungenschlag als vielmehr einen seelsorgerlichen Ton ab. Für sie geht es sowohl bei der Konfirmation als auch beim Ältestenamt um eine seelsorgerliche Gemeinde und um „geistliche“ Leitung. Dabei melden sich für sie sogar bei der Lektüre „anfangsweise Partizipation und Transparenz“, die als moderne Anliegen von Leitung verstanden werden. Passend dazu plädierte die Prälatin für eine „flache Hierarchie“. Die Pfarrer und Kirchenältesten im Publikum hörten dies wohl gerne.

Für sie als Pfarrerin ist die Konfirmation nicht allein an das Pfarramt, sondern an das Ältestenamt gebunden und wird von der ganzen Gemeinde verantwortet. Die Tatsache, dass bis in unsere Tage gerade bei der Konfirmation junge Leute zum Alkohol-Genuss geradezu ermutigt und aufgefordert werden, zeige, wie wenig das Moment der Zucht ernst genommen werde. Das, wogegen sich die Zucht in der 475 Jahre alten Ordnung besonders richtet, nämlich die (Trunk-)Sucht, rufe leider gerade im Kontext dieses christlichen Festes besondere Exzesse hervor. „Da ist doch was falsch gelaufen …“, so Natt augenzwinkernd.  

Bei der Frage nach Zucht gehe es, modern gesprochen, um solche Situationen, in denen wir ein klares „Nein“ sprechen müssen. Sie erinnerte an die Barmer Thesen von 1934, bei denen es schließlich um Verwerfungen aus dem Glauben heraus ging: „Wir verwerfen die falsche Lehre …“. Auch heute gebe es – etwa im Blick auf geäußerten Rechtsextremismus oder Fremdenhass – Situationen, in denen Älteste der Gemeinde Menschen das Abendmahl oder die christliche Gemeinschaft verweigern sollten. Spätestens an diesem Punkt hatte die historische Tagung zur Ziegenhainer Kirchenzuchtordnung eine ganz aktuelle Stoßrichtung. Auch wenn gerade der Kompromiss von Ziegenhain von 1539 Toleranz lehrt, so gibt es doch praktische Grenzen der Toleranz. Kirche muss es auch angesichts vieler ethischer Entscheidungen wagen können, ein „Nein“ zu sagen. Gerade auch dann, wenn man Zucht als „Seelsorge“, und diese wiederum als „Sorge um das ewige Heil“ ansieht, wie es die Prälatin betonte.

Die Gäste fuhren – nicht zuletzt auch wegen der kompetenten und detaillierten Stadt-Führung durch Heinz Stübing und wegen der außerordentlichen Gastfreundschaft – erfüllt und nachdenklich wieder von Ziegenhain weg. Man kann sich auf die Veröffentlichung der Vorträge im nächsten Jahrbuch unserer Vereinigung freuen. Verantwortlich dafür werden in Zukunft Prof. Dr. Markus Wriedt und sein Mitarbeiterstab am Lehrstuhl für Kirchen- und Dogmengeschichte an der Frankfurter Goethe-Universität sein. Dies war wohl die wichtigste Entscheidung der Mitgliederversammlung. Pfarrer Dr. Reiner Braun aus Dautphe, der die Position des Schriftleiters der Jahrbücher über elf Jahre lang – unter Mitarbeit seiner Ehefrau Manuela Gücker-Braun –  inne hatte und im Frühjahr abgegeben hat, wurde für sein Engagement herzlich gedankt.

Friedhelm Ackva, Dillenburg

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