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Jahrestagung und Mitgliederversammlung am 24.09.2021 in Eschwege

Kirche an der Grenze? Grenzerfahrungen auf beiden Seiten des „Eisernen Vorhangs“

Mit diesem Thema beschäftigte sich die verschobene Jahrestagung am 24. September in Eschwege. Eigentlich sollte die Tagung am 8. Mai 2020 stattfinden, genau 75 Jahre nach Kriegsende. Wegen Corona musste sie damals abgesagt werden. Mit Zoom-Veranstaltungen hatten wir im Frühjahr 2020 noch keine größere Erfahrung.

In der großen Evangelischen Kreuzkirche, die in den 60er Jahren angesichts der vielen Heimatvertriebenen, Flüchtlinge und Übersiedler errichtet worden war, hatte die Tagung viel Platz und einen würdigen Rahmen. Außerdem stand das moderne Gemeindehaus nebenan zur Verköstigung der ca. 40 Teilnehmenden zur Verfügung. Pfarrer Christoph Dühr und seine Frau Pfarrerin Nicola Feller-Dühr hatten sich eigens liebevoll darum gekümmert. Dekanin Ulrike Laakmann vom Kirchenkreis Werra-Meißner erinnerte in ihrem Grußwort an die Umbruchszeit 1989 und das damals von Prof. Klaus-Peter Hertzsch in Jena gedichtete Lied EG 395: „Vertraut den neuen Wegen, auf die der Herr uns weist“.

Pfarrer i.R. Heinrich Mihr und seine Frau Annemarie Mihr, eine Realschullehrerin und Prädikantin, berichteten anschaulich von der Entwicklung der Patenschaft zur Partnerschaft zwischen den Gemeinden diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs. Exemplarisch zeigten sie das an der Beziehung zwischen ihrer Gemeinde in Eschwege und Burg in Thüringen. Dass Grenzen auch Innovationsschübe geben können und nicht nur tötend wirken, zeigten sie besonders eindrücklich am Austausch von Liedgut, wie etwa den Piet Janssens-Songs von den Kirchentagen: „Wenn das Rote Meer grüne Welle hat“ oder „Der Himmel geht über allen auf.“

Der Entwicklung von Patenschaften, die anfangs „paternalistisches Paketverhältnisse“ darstellen konnten, zu Partnerschaften ging Dr. Sonja Kruse von der theologischen Fakultät der Frankfurter Goethe-Universität in ihrem Vortrag „Gemeindepartnerschaften zwischen Ost und West“ wissenschaftlich nach (Zusammenfassung ihrer Doktorarbeit bei Prof. Dr. Wriedt).  Durch Archivarbeit und Zeitzeugen-Interviews verschaffte sie sich einen großen Überblick und stieß auch auf die Haltung, „den Bericht lieber zu vernichten, da er kein Ruhmesblatt darstellte“. Allmählich entwickelte sich Pfarrern und Gemeindegliedern ein „Austausch auf Augenhöhe“ und eine „Religiosität der Begegnung“. Auch nach 1989 kann jedoch die Asymmetrie zwischen den Gemeinden ihres Erachtens nicht ganz weggedacht werden. Sie plädierte für eine Sensibilisierung in der Sprache. Denn „Sprache schafft Denken“.

Diesen Faden der Sprachsensibilisierung nahm Malte Dücker, ebenfalls Promovend bei Prof. Dr. Wriedt an der theologischen Fakultät der Frankfurter Goethe-Universität, in seinem Vortrag auf: Wende ohne Umkehr? Erinnerungskulturen um die „protestantische Revolution“ 1989. Er klopfte die unterschiedlichen Begrifflichkeiten wie „Wende“ (Egon Krenz), „friedliche Revolution“ (Walter Momper), „Mauerfall“, „Wiedervereinigung“ auf ihren konstruktiven oder destruktiven Gehalt ab. Der Frage, ob die Kirche im Osten tatsächlich ein „Sprachraum der Freiheit“ war, stellte er den Zusammenhang von Protestantismus und Protest (Luther in Worms 1521, vor 500 Jahren!) gegenüber. Er warnte in der jüngsten Kirchengeschichtsschreibung, das Bild von einer Gesellschaft von „lauter Helden“ zu zeichnen und einen unangemessenen kirchlichen „Narzissmus“ zu pflegen.   

Leider war für eine ausführliche Diskussion dieser zwei guten Beiträge nicht mehr viel Zeit. Man wird gespannt sein auf die Veröffentlichung im nächsten Jahrbuch. 

Mitgliederversammlung mit vielen Änderungen

Zum Thema der Übergänge passend, stand die HKV im ehemaligen Grenzort Eschwege auch in ihrer Vorstandsarbeit auf einer Grenze. Der Vorstand veränderte sich wie schon lange nicht mehr. Prof. Dr. Friedrich Battenberg stand nach über 20 Jahren nicht mehr für eine turnusmäßige Neuwahl zum Vorsitzenden für den Bereich der EKHN bereit. Ebenso der Vorsitzende für den Bereich der EKKW, Dr. Dirk Richhardt, der die Eschweger Tagung dankenswerterweise noch maßgeblich vorbereitet hatte. Auch der langjährige Schatzmeister, Kirchenarchivdirektor i.R. Holger Bogs, war schon im Frühjahr mit seiner Ruhestandversetzung als Leiter des Zentralarchivs ausgeschieden. Er war leider nicht nach Eschwege gekommen. Zudem verabschiedete sich Prof. Dr. Markus Wriedt als Herausgeber des Jahrbuchs (JHKV) aus dem Vorstand. Auch die Mitherausgeberschaft der Quellen und Studien (QSHKV) legte er nieder. In der Mitgliederversammlung wurde allen für ihren Einsatz gedankt. Prof. Wriedt versprach das Jahrbuch 2019-2021 als umfangreichen „Corona-Band“ für Weihnachten.

Die Neuwahlen der gut besuchten Mitgliederversammlung (alle drei Jahre nach § 8 der Satzung) ergaben folgendes Ergebnis:

Vorsitzender für die EKKW: Privatdozent (Uni Gießen) Pfarrer Dr. Volkmar Ortmann

Vorsitzender für die EKHN: Dr. Tobias Dienst

Schatzmeisterin Dr. Ute Dieckhoff, Leiterin des Zentralarchivs der EKHN (Nachfolge H. Bogs)

Die beiden Schriftführer Dr. Norbert Stieniczka und Pfarrer Dr. Friedhelm Ackva, die dem alten Vorstand angehörten, wurden wieder bestätigt für den neuen Vorstand.

Als neuer Herausgeber des Jahrbuchs konnte Dr. Jan Martin Lies gewonnen werden. Er gehört in dieser Eigenschaft dem Vorstand an.

Als nunmehr alleiniger Herausgeber der QSHKV wurde Prof. Dr. Wolf-Friedrich Schäufele aus Marburg gewählt. Er gehört satzungsgemäß nicht dem Vorstand an, sondern dem Wissenschaftlichen Beirat. Die Liste dieses Beirates wurde in der Mitgliederversammlung bereinigt und ergänzt (§ 9 der Satzung). Sie wird demnächst auf der Homepage veröffentlicht. Der Beirat soll nach einer ersten konstituierenden Sitzung des neuen HKV-Vorstandes Ende Oktober verstärkt in die Arbeit der Publikationen und Tagungen einbezogen werden. Die nächste Tagung soll sich im Herbst 2022 mit dem Thema „75 Jahre EKHN“ beschäftigen. Man darf gespannt sein auf weitere „Innovationsschübe“ (s.o.) des neuen Vorstandes.                                                                                             Friedhelm Ackva